Tiergestützte Pädagogik für Kinder mit Entwicklungsstörungen

An unserer Schule, der Mittelschule Kötitz in Coswig, wird schon sehr viel für interessierte und begabte Kinder getan. Musikalische Förderung in Chor und Band, sportliche Förderung in verschiedenen Neigungskursen und diversen Wettkämpfen. Die Kreativität wird in Kunst-AGs und „Kochen International“ gefördert.

Was aber ist mit der zunehmenden Zahl an Schülern mit Entwicklungsverzögerungen, mit Schülern, die antriebsarm sind oder hyperaktiv, was wird für die Kinder getan, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder solche mit Schulangst, Versagensängsten oder häufigem Erbrechen?

Ich bin Englisch-, Deutsch- und Ethiklehrerin und seit fünfzehn Jahren an der Mittelschule Kötitz tätig. Zuvor habe ich zwanzig Jahre als verbeamtete Lehrerin in München gearbeitet und weiß, wie rasant die Zahl an verhaltensgestörten Kindern ansteigen kann und wie viele Schüler täglich Tabletten nehmen müssen, um dem Unterricht folgen zu können.

Die Arbeit mit solchen Schülern ist für den Fachlehrer schwierig, noch strapaziöser ist sie für den Klassenlehrer, der die zahllosen Gespräche mit den Schülern, Eltern, Sozialarbeitern, Drogenbeauftragten und der Schulleitung führen muss.

Im Rahmen des normalen Unterrichts ist eine Förderung solcher Kinder nur sehr eingeschränkt möglich. Um mich diesen Kindern stärker widmen zu können, baue ich auf meinem Grundstück eine tiergestützte Therapie mit Alpakas, Hunden und Kaninchen auf. Die Alpakas und die Hunde sind da, ich habe mich in die Thematik der tiergestützten Therapie eingearbeitet und fortgebildet, und damit kann ich der Mittelschule Kötitz ab April 2008 eine solche Unterstützung anbieten.

Ich möchte mein ca. 1 ha großes Grundstück, das in unmittelbarer Nähe zur Schule liegt, für den Nachmittagsunterricht zur Verfügung stellen.

Ich selbst lebe schon seit vielen Jahren mit mehreren Hunden zusammen, die ich auch selbst züchte. Ein Leben ohne Tiere kann ich mir nicht vorstellen. Als ich nach Sachsen zog, waren meine Hunde der schnellste Weg, neue Bekanntschaften zu machen. Es macht mich glücklich, ihnen beim Toben zuzusehen und nach einem anstrengenden Schultag ist für mich das Spazierengehen und Spielen mit ihnen die beste Erholung. In Gegenwart meiner Hunde bin ich selbstbewusster und fühle mich sicherer, wenn ich anderen Menschen begegne.

Die Reflexion über meine persönlichen Erlebnisse löste in mir den Wunsch aus, genau diese positiven Werte bei schwierigen Kindern zu nutzen. Meine eigenen Erfahrungen waren der Nährboden für die Entwicklung dieses Projekts.

Ich habe eine Ausbildung am „Institut für soziales Lernen mit Tieren“ in Wedemark zur tiergestützten Therapie abgeschlossen. Ferner habe ich Praktika bei mehreren Einrichtungen zur tiergestützten Therapie absolviert, die bereits seit Jahren ausgebildete Tiere in der Therapie einsetzen. Die Ergebnisse, die dort erzielt werden, sind beeindruckend. Ich möchte mich an deren Arbeitsweise orientieren.

Nachdem mit Alpakas ähnlich gute Erfolge wie mit Delphinen erzielt werden, habe ich mir zusätzlich zu meinen drei Hunden vier junge Alpakas gekauft, außerdem Kaninchen, Meerschweinchen und indische Laufenten. Damit kann ich jedem Kind individuell das passende Tier anbieten. Meine Hunde arbeiten seit Jahren auf dem Agility-Parcour, den auch 10-11jährige Kinder mit ihnen absolvieren können. Die Alpakas sind halfterführig und können nach einer gewissen Übungsphase auch von den Schülern über den Parcours geführt oder bei Wanderungen an der Elbe als Rucksackträger mitgeführt werden.

Kindern mit Verhaltensschwierigkeiten kann durch die zielgerichtete Begegnung mit den Tieren geholfen werden. Was möchte ich mit diesen Übungen bewirken?

Wie soll das Ganze organisiert werden?

Die Arbeitsgemeinschaft Tiergestützte Aktivität soll für die Kinder unserer Schule im Rahmen des Ganztagsprojekts am Nachmittag für einzelne Schüler oder kleine Gruppen auf meinem Gelände unter meiner Aufsicht durchgeführt werden. Die Gemeinde übernimmt die Kosten von 16~EUR pro Stunde.

Wer begleitet dieses Projekt wissenschaftlich?

Sowohl ein Doktorand von der Uni Leipzig als auch eine Sozialwissenschaftlerin von der Uni Dresden erarbeiten Fragebögen zu dem Projekt und dokumentieren die Arbeit mit Videoaufnahmen und Photos.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Eltern und Kollegen aus?

Die Teilnahme an der tiergestützten Therapie ist freiwillig und wird nur auf Wunsch der Eltern begonnen. Die Eltern können zum Gelingen des Projekts beitragen. Ihre Rückmeldungen zu den Auswirkungen der tiergestützten Therapie sind willkommen und bereichern die Arbeit. Väter und Kinder sind außerdem am Wochenende ausdrücklich eingeladen, am Bau neuer Käfige oder Hindernisse für den Parcours mitzuwirken.

Die Kollegen, die Technik unterrichten, können als Werkstücke Vogelnistkästen und Insektenhäuser bauen lassen. Die Biologiekollegen können eine Arbeitsgemeinschaft Biotop im Gelände anlegen, der Teich ist bereits ausgehoben oder ein Projekt Schulgarten beginnen, die Beete sind schon angelegt. Die Kolleginnen der Hauswirtschaft können einmal in der Woche ein gesundes Frühstück in der Schule anbieten mit Produkten aus dem Schulgarten. Im Deutschunterricht können Vorträge und Dokumentationen über die Arbeit mit Tieren, deren Aussehen, Verhalten, Alltag und Zucht erarbeitet werden.

Wie werden die Fortschritte dokumentiert?

Die Sächsische Zeitung wird in Reportagen die Entwicklung dieses besonderen Schulprojekts veröffentlichen. Die Schüler führen ein Tagebuch über ihre Erlebnisse mit den Tieren. Gemeinsam mit den Eltern wird die Arbeit nachbereitet.

Wie sieht das Hygiene- und Risikomanagement aus?

Für die Kinder wird eine Haftpflichtversicherung mit Tieren abgeschlossen. Die Tiere werden regelmäßig entwurmt und geimpft und vom Tierarzt untersucht. Die Eltern werden über ein Allergierisiko belehrt. Die Kinder werden zur Hygiene angehalten, insbesondere zum gründlichen Händewaschen nach dem Umgang mit Tieren.

Nachdem ich im Altersheim und in einer onkologischen Kinderklinik in Augsburg gesehen habe, wie dort mit Pferden, Ziegen, Hunden und Schweinen gearbeitet wurde, habe ich auch wegen Infektionskrankheiten keine Bedenken mehr.