Ganztagsangebot

Tiergestützte Therapie mit Alpakas

der Mittelschule Kötitz, 01640 Coswig, Kötitzer Straße 44–46 Tel.03523/760040, Fax 03523/7600421 mittelschule-koetitz-ltr@coswig.de Veronika Sprenger

I. Die Idee

Das Ganztagsangebot der Mittelschule Kötitz für interessierte und begabte Kinder ist beachtlich. Musikalische Förderung in Chor und Band, sportliche Förderung in verschiedenen Neigungskursen und diversen Wettkämpfen. Die Kreativität wird in Kunst-AGs und Kochen International gefördert, und vieles mehr . . . . Aber auch die besten Projekte sind verbesserungsfähig. Was bislang fehlt, ist eine gezielte Förderung von Schülern mit Entwicklungsverzögerungen, von Schülern, die antriebsarm sind oder hyperaktiv. Tag für Tag haben wir Lehrer mit Kindern zu tun, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder mit Schulangst, Versagensängsten oder häufigem Erbrechen kämpfen. Für diese Schüler war das bisherige Ganztagsangebot nur bedingt geeignet. Mit meiner tiergestützten Therapie mit Alpakas und Hunden kann ich diese Angebotslücke schließen und das Ganztagsangebot unserer Schule abrunden und weiter verbessern.

Mehrere günstige Umstände kamen zusammen, die mir die Umsetzung dieser Idee ermöglicht haben. Am Anfang stehen sicher viele Jahre Lehr- und Lebenserfahrung – nicht allein aus der Lehrtätigkeit, sondern insbesondere auch aus dem eigenen Erleben bei der Betreuung meiner vier Kinder, aber auch aus den Erfahrungen mit Pferden und Hunden, meinen lebenslangen Begleitern. Liebe zu Kindern und Liebe zu Tieren verbinden und verstärken sich bei dem Projekt in idealer Weise. Hinzu kommen günstige äußere Umstände: Ein Wohnsitz in unmittelbarer Schulnähe, ein Grundstück von 1 Hektar (zuzüglich 1 weiterer Hektar Pachtland) als unerlässliche Voraussetzung für die Tierhaltung, nicht zuletzt auch die Bereitschaft, sich finanziell in ganz erheblichem Maße zu engagieren und die Möglichkeit, sich am Wochenende und in den Ferien fortzubilden und die erforderlichen Fachkenntnisse für Tierhaltung und Therapie zu erwerben.

Im folgenden geht es mir weniger um eine zusammenfassende Darstellung des Projekts; solche Darstellungen finden sich auf dieser Homepage (unter der Projektbeschreibung, aber auch in den dort veröffentlichten Vorträgen). Vielmehr möchte ich hier in lockerer Reihenfolge aus meinem ganz persönlichen Empfinden heraus einige Aspekte des Projekts beleuchten in der Hoffnung, dass die Idee des Projekts aus dieser subjektiven Darstellung heraus deutlicher wird als die objektiv-nüchterne Beschreibung. Aber auch diese soll nicht zu kurz kommen.

II. Tiergestützte Therapie mit Alpakas und Hunden

1. Nochmals zur persönlichen Motivation

Kinder und Jugendliche brauchen Gemeinschaften Gleichaltriger, in denen sie unter der Führung von Erwachsenen spielerisch aufwachsen können. Heute leben viele Kinder und Jugendliche ohne Geschwister. Sie sind dem Fernsehen, dem Computer, dem Internet und den zahlreichen Verführungen der Konsumwelt ausgeliefert. Deshalb bietet sich eine Ganztagsschule mit Unterricht am Vormittag und Spiel- und Erlebnispädagogik am Nachmittag an. Ganztagsschule heißt für mich, vormittags Unterricht, nachmittags lernen mit Herz, Kopf und Hand. Unser Bildungsnotstand hat seine Ursache häufig auch im Erziehungsnotstand unserer Kinder. Und wo kann man Erziehung besser nachholen als in der Natur und mit Tieren? Ich sehe in der Nachmittagsbetreuung auch einen Weg, die Ungerechtigkeit der Bildungschancen zu korrigieren, denn als Lehrer kann ich in kleinen Gruppen die besonderen Begabungen meiner Schüler entdecken und fördern. Ich kann die Kinder nicht nur als Schulversager im Unterricht erleben, sondern als vielseitig begabte Schüler im Umgang mit Tieren und bei der Gartenarbeit. Allerdings muss ich das Umfeld so gestalten, dass sich die Kinder dort gern aufhalten.

2. Das günstige Umfeld

Mein Grundstück wird als Tierfreigehege, Nutz- und Bauerngarten und für einen Teich mit Biotop genutzt. Ein Agility-Parcour für Hunde und Alpakas ist vorhanden. Die Kinder können sich auf einem großen Trampolin austoben und in Schaukeln und Hängematten entspannen. Ein ca. 20 qm großer Raum steht für schlechteres Wetter oder für Pausen zur Verfügung. Ein großer Nutzgarten, ein Bauern- und Kräutergarten, Insektenhotel, Märchenwäldchen, das Gehege mit zahlreichen Kaninchen und nicht zuletzt auch der Hausgarten runden das Landschaftserlebnis ab. Und bei schlechtem Wetter können die Kinder und ich in die eigens im Wohnhaus zur Verfügung gestellten Therapieräume oder auch in einen befestigten Unterstand ausweichen.

3. Die Tiere als Therapeuten

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt in der tiergestützten Therapie mit Alpakas, Hunden, Kaninchen, Meerschweinchen und indischen Laufenten. Immer mehr Kinder erfahren in der Familie nur wenig liebevollen Körperkontakt. So fehlt ihnen oft der Bezug zum eigenen Körper und auch die Übung, sensibel mit anderen Lebewesen umzugehen. Das superweicheFell eines Alpakas, in das man hineingreifen und das Gesicht hineinkuscheln kann, ist für viele Kinder das Allerschönste.

Der Geruch, die Weichheit und Wärme eines Tierfelles gibt ihnen das Gefühl des Wohlbefindens und der Geborgenheit. Der Herzschlag des Tieres beruhigt sie und löst Verspannungen. Sie möchten mit dem Tier vertraut werden, es verstehen und beschützen und versorgen. So entwickeln Kinder mehr Respekt für andere Lebewesen und auch für andere Kinder. Schüler, in deren Familie Missbrauch und Gewalt vorkommen, finden wieder zu mehr Vertrauen und Lebensfreude. Außerdem lernen die Kinder soziale Verantwortung, Selbstkontrolle, Geduld und das Zurückstellen eigener Bedürfnisse. Auch wird die Kommunikation gefördert. Denn über Tiere kann man mit Klassenkameraden und Familienmitgliedern reden. Es werden zahlreiche Kontakte geknüpft, wenn man ein Alpaka spazieren führt, und Kinder mit schwachem Selbstwertgefühl bekommen Zuspruch und Anerkennung. Das verbessert ihr Lebensgefühl. Dabei ist mir auch wichtig, den Kindern die Augen zu öffnen für die Schönheit und Vielfalt der Natur und der Tiere und ihnen zu helfen, Respekt vor der Natur zu entwickeln.

4. Naturkunde und Umwelterziehung – fächerübergreifender Unterricht

Die Therapie steht für mich zwar im Vordergrund, aber sie ist ganzheitlich ausgerichtet und verbunden mit Erleben und Lernen. Kontakt mit Tieren, Blumen, Kräutern und Bäumen sind nicht nur Medizin für die Seele, sie stellen zugleich ein ideales Umfeld dar für aktives, effektives Lernen. In erster Linie geht es dabei um Tier- und Pflanzenkunde und um die Umwelterziehung. Die Schüler sollen etwas über die Natur, über Tiere und Pflanzen lernen und sie sollen befähigt werden, verantwortlich mit der Natur und den Naturgütern umzugehen. Dies ist eine integrale Bildungsaufgabe für alle Unterrichtsfächer. Die Arbeit im Schulgarten ist schülerorientiert, situationsbezogen und handlungsorientiert. Umwelterziehung weckt die Bereitschaft, Pflanzen, Tiere und Lebensräume kennenzulernen, zu schützen und aktiv zu fördern. Im Bauerngarten stehen viele Duft- und Tastpflanzen zur Verfügung und ermöglichen die unterschiedlichen Formen sinnenhafter und zugleich spielerischer Begegnung mit Pflanzen. Erleben, Erforschen und Handeln sind hier miteinander verbunden. Pflanzen aus eigener Ernte zuzubereiten und als gesunde Nahrung zu verwenden und im Pausenverkauf anzubieten macht die Schüler stolz auf ihre Leistung und sie sehen Ergebnisse ihrer Arbeit. Außerdem haben Schüler und Eltern einen Fühlpfad angelegt, dessen Felder mit unterschiedlichen pflanzlichen und mineralischen Materialien ausgelegt sind. Dieser Pfad wird mit verbundenen Augen und bloßen Füßen erkundet. Der Garten ist also ein Spiel-, Erlebnis- und Erfahrungsraum, in dem die Schüler auch lernen, auf andere Lebewesen Rücksicht zu nehmen. Außerdem kann man bei der Arbeit mit Tieren und im Garten gut lernen, mit Enttäuschungen und Rückschlägen fertig zu werden.

Der Gartenteich, der unter Anleitung eines Fachmanns von den Kindern angelegt, bepflanzt und immer wieder umgestaltet wird, gibt den Schülern Gelegenheit, Tiere und Pflanzen zu beobachten, Artenkenntnis und Verständnis für Anpassung an Lebensräume und Einblick in Zusammenhänge in einem Ökosystem zu erwerben. Dies ist die Aufgabe der AG Biologie und des Biologielehrers. Der Techniklehrer hatte in seinem Lehrplan mehrere Stunden für das Bauen und Aufstellen eines Insektenhotels und mehrerer Vogel- und Fledermausnistkästen vorgesehen. Zusätzlich zu Trockenmauern, Vogelschutzhecken, Steinhaufen und alten Holzstößen tragen sie zum ökologischen Gleichgewicht im Garten bei.

Der fächerübergreifende Unterricht wird abgerundet durch den Kunstunterricht im grünen Klassenzimmer, der Deutschunterricht wird durch Tierbeschreibungen oder Tagebücher der gärtnerischen Arbeit gefördert. Erkenntnisse zur besseren Nutzung der „Wärmespeicher“ fließen in den Physikunterricht ein. Der Hauswirtschaftsunterricht wird u. a. ergänzt durch die Zubereitung schmackhafter und gesunder Gerichte aus dem Schulgarten.

5. Sicherheitserziehung

Durch die überzeugenden Resultate der letzten Monate beim Therapieren von Hundephobien habe ich meine Tiere noch zum Training im richtigen Umgang mit Hunden und anderen Tieren im Unterricht der 5. Klassen eingesetzt. Kinder werden nämlich doppelt so häufig gebissen wie Erwachsene und aufgrund ihrer geringen Körpergröße sind die Verletzungen auch sehr viel schwerer. Kinder vor solchen meist vermeidbaren Beißunfällen zu schützen und sie auf den gefahrlosen Umgang mit Hunden vorzubereiten, ist das Anliegen dieses Unterrichtsprojekts.

Zur Verkehrs- und Sicherheitserziehung zählt m. E. auch die konfliktfreie Begegnung mit Hunden auf dem Schulweg und in der Freizeit. Die Kinder lernen am Beispiel Hund, nicht als Opfer zu reagieren, sondern aktiv und gewaltfrei Grenzen zu setzen. Der Lehrplan der 5. Klasse mit dem Thema Säugetiere bietet einen geeigneten Rahmen. In jeweils zwei Stunden werden die Kinder theoretisch und praktisch im richtigen Umgang mit Tieren geschult. Meine Hunde sind speziell geschult, gesund und haben ihre charakterliche Eignung für den Schuleinsatz in einem Wesenstest bewiesen. Die Schüler sollen die Warn- und Drohsignale und das Wesen eines Hundes kennenlernen. Sie erproben im Rollenspiel den richtigen Umgang mit dem Hund. Sie üben, reaktionsschnell zu agieren, wenn der Hund hinter ihnen herrennt, an ihnen hochspringt oder sie beim Ballspiel überrascht. Wichtig ist mir eine angstfreie Begegnung mit dem Hund. Jederzeit sind auch Eltern im praktischen Teil gern gesehen. Selbstverständlich wird vor Beginn des Präventionsprogramms die Einwilligung der Eltern eingeholt.

III. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen

Ich möchte die schlaglichtartige Darstellung hier beenden. Letztlich wird es dem Leser genau so gehen, wie meinen Therapiekindern: nicht die theoretische Darstellung, sondern erst das praktische Erleben vermittelt eine ganzheitliche Vorstellung dieser Therapie. Das therapeutische und das pädagogische Konzept sind untrennbar miteinander verknüpft. Arbeit, Spiel, Lernen und Heilung wirken zusammen und fördern sich wechselseitig. Das Konzept ist nicht starr, es ist stets in Bewegung, wie die Kinder, wie die Tiere. Entscheidend ist die nachhaltige Wirkung der Therapie, die ich inzwischen in vielen Fällen mit innerer Freude und Dankbarkeit erleben durfte. Ich lade alle Interessierten herzlich ein, sich einen persönlichen Eindruck von dem Projekt zu verschaffen und diesen Teil des Ganztagsangebotes unserer Mittelschule Kötitz live zu erleben.